Die Nacht war ruhiger. Zumindest erinnere ich mich an kein Gemecker oder Geschrei. Und auch Reńćka berichtet, dass sie entspannter an die Nacht herangegangen ist. Aber um 08:00 Uhr ist dann halt auch wieder Schluss mit der verträumten Glückseligkeit. Madame krabbelt und nimmt keine Rücksicht auf Verluste. Zielstrebig setzt sie ihren Weg fort. Der Schnupfen ist über Nacht tatsächlich etwas besser geworden, was mich sehr erleichtert. Als Papa kann man sein Mädchen nicht leiden sehen.
Immer länger werden aber auch die Phasen, in denen sie sich mit sich selbst beschäftigen kann. Dennoch geht es gegen kurz nach 09:00 Uhr aus dem Bett, obgleich ich heute eigentlich gar nicht aufstehen wollte. Gefrühstückt wird heute gemeinsam; Reńćka ist so lieb und füttert den Brei während sie selbst isst. Danach gibt es für Zoey ein Stück Kruste vom Schwarzbrot, welche liebevoll filetiert, gekaut und wieder ausgespuckt wird. Also einen wichtigen Teil der Nahrungsaufnahme hat sie bereits verinnerlicht, den Rest muss sie noch verknüpfen.
Um 11:20 Uhr werden wir rausgeschmissen und begeben uns auf die Morgenrunde. Reńćka will noch den Kartoffelsalat für den morgigen Familienbrunch vorbereiten und die Wohnung saugen. Unsere Morgenrunde führt uns durch den Volkspark Prenzlauer Berg und wir erklimmen die „Berge“.


Ich nehme mir vor, diese zukünftig wenigstens einmal täglich mit in die Runde einzubauen, um oben nicht noch einmal mit dem Leben zu ringen zu müssen, da die Kraft nicht ausreicht. Zoey ist schlafend aktiv dabei. Als ich sie nach 35 Minuten wecke, haben wir die Gebirgszüge bereits hinter uns gelassen und das Straßenland erreicht. Wider Erwarten bekomme ich ein Lächeln und Malutka zeigt mir ihren Schneidezahn. Ich könnte platzen vor Stolz. Der dritte Zahn ist draußen.
Da es inzwischen regnet, bekommt der Kinderwagen seinen Regenschutz, was erfahrungsgemäß wenig Begeisterung bei der Prinzessin hervorruft. Im Fennfuhl-Park angekommen, laufen uns viele eigenartige Gestalten über den Weg. Bewaffnet mit einem bis zwei Handys sind sie auf Pokémonjagd, wie ich beim Vorbeifahren beobachten kann.

Auf dem Rückweg ertappe ich mich dann doch bei einem kurzen Gedanken an einen Ausflug zum Fußball und erinnere mich an Zeiten, wo das erste Hobby noch einen anderen Namen trug. Reńćka ist damit einverstanden, aber ich argumentiere dann zu Hause angekommen, die Idee selbst weg. Es kostet zwei Stunden Kraft und Zoey wird es nicht interessieren, dass ihr Papa nach der Rückkehr noch müder ist als vorher. Ich kann nur hoffen, dass sich diese Einstellung meines Körpers mit der Zeit wieder ändert. Zum Mittag gibt es irgendetwas Grünes mit Fleisch. Zoey scheint es zu schmecken. Und auch der Mittagsschlaf kommt ihr heute gelegen. Kurz nach zwei schläft sie ein.
Ich würde auch gerne schlafen, aber es gibt so viel zu tun, dass ich keine Ruhe dafür finde. Also mache ich mich an die Arbeit und klebe Kindersicherungen in die Schränke. Zoey wird enttäuscht sein, aber zu ihrem Schutz geht es nicht anders. Allerdings lasse ich ihr eine Schublade offen. Wenn wir es schaffen, wird jeden Tag eine andere der sechs Schubladen im Wohnzimmer für sie als Überraschung vorbereitet sein. Als Klemmschutz dient ihr Plüschhase.


Als sie dann aufwacht, zeige ich ihr die Schublade. Und sie nimmt die Idee dankend an. Allerdings gelingt es ihr, sich trotz Hasen, die Finger einzuklemmen. Nach kurzem Trösten ist aber alles wieder gut. Während sie spielt, meldet sich Oma Hihi per Videoanruf. Die Verwandtschaft aus Thüringen ist in Berlin angekommen. Wir werden uns alle morgen sehen.
Während Reńćka noch mit einer alten Freundin telefoniert, füttere ich Zoey mit ihrem Obstgläschen. Dann geht es raus in den Regen auf die Abendrunde zu deren Abschluss wir noch Ersatz für den retournierten Heizstrahler besorgen.
Beim abendlichen Füttern ist Madame wieder sehr lebhaft und will nichts verpassen. Dennoch schafft sie es, ihren Abendbrei vollständig aufzuessen, auch wenn sie Mama zwischendurch mächtig mit den Hampeleien ärgert. Im Anschluss daran dürfen wir sogar noch ein paar Minuten Fernsehen schauen. Um 21:00 Uhr ist allerdings ihr Punkt erreicht. Madame ist so müde, dass sie tatsächlich gerne schlafen möchte. Auch wenn der Schnupfen noch hörbar ist, kann sie wieder besser atmen. Ich wünsche es ihr sehr.